Wir kochen Heimat

29. Dez. 2025

Aber was ist eigentlich Heimat?

So richtig harmlos war die Frage in Deutschland noch nie, heute ist sie es erst recht nicht. Zwischen Klagen über das ominöse „Stadtbild“, blauen Herzen im Whatsapp-Status und Sätzen wie „das ist nicht mehr mein Deutschland“ verdichtet sich Heimat zunehmend zu einem Kampfbegriff. Wer sind wir? Was macht uns aus? Und wer (und was) sind die anderen? Fast immer schwingt dabei ein Rückgriff mit, der etwas fassen möchte, das vermeintlich nicht mehr ist, aber gewesen sein soll: Eine bessere Vergangenheit. Unschuldiger, überschaubarer. 

Ernst Bloch hat das präzise gefasst, als er schrieb, Heimat sei etwas, „das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war“. Keine konkrete Realität also, sondern vielmehr etwas, das zwischen Wunsch und Erzählung, zwischen kollektiver Imagination und infantiler Fantasie hindurch schimmert. Vielleicht kreist das, was sich rational etwa als eine Debatte um “Leitkultur” tarnt, im Kern um etwas viel Verletzlicheres: das Bedürfnis nach verlorener Geborgenheit, nach Einfachheit und Wärme. So wie damals an Omas Herd.

Und vielleicht lässt sich Heimat genau deswegen auch besser schmecken als definieren.

Ein bestimmter Geruch in der Küche, die Vorfreude auf die Leibspeise. Marcel Proust hat solche Momente mit seiner Madeleine beschrieben: nur ein Biss, und schon wird die Erinnerung lebendig, und versetzt uns sofort zurück. Zu einer Heimat, die ganz unmittelbar, ganz körperlich ist. Die sich sowohl der Sprache als auch der Politik entzieht.

Genau dieser Heimat widmen wir uns in unserer neuen Serie, die – ähnlich wie Sie es bereits von Fettschnitzel und Ente kennen – jeweils Dienstag bis Donnerstag parallel zu unserer regulären Speisefolge läuft. Dabei fokussieren wir uns auf wechselnde Gerichte, die allesamt nach Heimat schmecken.

Natürlich kochen wir auch Klassiker aus unserer eigenen Kindheit. Entscheidend in dieser Serie ist für uns aber der Blick über den kartoffelzentrischen Tellerrand hinaus, hin zu Gerichten, die dieselbe wohlige Textur entfalten, jedoch in anderen Kulturen beheimatet sind: Ob Bosnisch, Vietnamesisch, Schottisch oder Arabisch. Der Fokus liegt natürlich wie immer auf den hervorragenden Lebensmittel aus unserer Region. Dennoch behalten wir uns vor, das ein oder andere Gewürz hinzuzukaufen; Heimat ist gerade hier kein Reinheitsgebot.

Die Ideen und Rezepte bekommen wir dabei von Menschen, die in Berlin mit uns leben und arbeiten, egal, wo ihre tieferen Wurzeln sind. Daher ist diese Serie im Grunde nur kulinarische Konsequenz der Berliner Realität: eine Realität, in der Vielfalt schlichtweg existiert und in Angesicht derer es an uns selbst liegt, ob wir sie als Grundlage der Entfremdung bemühen oder als Einladung zur Begegnung begreifen wollen.

Gleichzeitig wissen wir, dass der Fokus auf Essen ebenso verklärt und vereinfacht. Natürlich lösen wir mit der ganzen Chose überhaupt nichts. Trotzdem – wenn wir im Nobelhart immer wieder darauf bestehen, Berlin-Brandenburg auf den Teller zu bringen, dann ist diese Serie vor allem eines: überfällig. Und die Frage nach der Heimat dabei zugleich zeitlos und brandaktuell.

Heimat #1: Kohlroulade vom Kalb (Micha Schäfer, Deutschland)

Wir kochen Heimat

29. Dez. 2025

Aber was ist eigentlich Heimat?

So richtig harmlos war die Frage in Deutschland noch nie, heute ist sie es erst recht nicht. Zwischen Klagen über das ominöse „Stadtbild“, blauen Herzen im Whatsapp-Status und Sätzen wie „das ist nicht mehr mein Deutschland“ verdichtet sich Heimat zunehmend zu einem Kampfbegriff. Wer sind wir? Was macht uns aus? Und wer (und was) sind die anderen? Fast immer schwingt dabei ein Rückgriff mit, der etwas fassen möchte, das vermeintlich nicht mehr ist, aber gewesen sein soll: Eine bessere Vergangenheit. Unschuldiger, überschaubarer. 

Ernst Bloch hat das präzise gefasst, als er schrieb, Heimat sei etwas, „das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war“. Keine konkrete Realität also, sondern vielmehr etwas, das zwischen Wunsch und Erzählung, zwischen kollektiver Imagination und infantiler Fantasie hindurch schimmert. Vielleicht kreist das, was sich rational etwa als eine Debatte um “Leitkultur” tarnt, im Kern um etwas viel Verletzlicheres: das Bedürfnis nach verlorener Geborgenheit, nach Einfachheit und Wärme. So wie damals an Omas Herd.

Und vielleicht lässt sich Heimat genau deswegen auch besser schmecken als definieren.

Ein bestimmter Geruch in der Küche, die Vorfreude auf die Leibspeise. Marcel Proust hat solche Momente mit seiner Madeleine beschrieben: nur ein Biss, und schon wird die Erinnerung lebendig, und versetzt uns sofort zurück. Zu einer Heimat, die ganz unmittelbar, ganz körperlich ist. Die sich sowohl der Sprache als auch der Politik entzieht.

Genau dieser Heimat widmen wir uns in unserer neuen Serie, die – ähnlich wie Sie es bereits von Fettschnitzel und Ente kennen – jeweils Dienstag bis Donnerstag parallel zu unserer regulären Speisefolge läuft. Dabei fokussieren wir uns auf wechselnde Gerichte, die allesamt nach Heimat schmecken.

Natürlich kochen wir auch Klassiker aus unserer eigenen Kindheit. Entscheidend in dieser Serie ist für uns aber der Blick über den kartoffelzentrischen Tellerrand hinaus, hin zu Gerichten, die dieselbe wohlige Textur entfalten, jedoch in anderen Kulturen beheimatet sind: Ob Bosnisch, Vietnamesisch, Schottisch oder Arabisch. Der Fokus liegt natürlich wie immer auf den hervorragenden Lebensmittel aus unserer Region. Dennoch behalten wir uns vor, das ein oder andere Gewürz hinzuzukaufen; Heimat ist gerade hier kein Reinheitsgebot.

Die Ideen und Rezepte bekommen wir dabei von Menschen, die in Berlin mit uns leben und arbeiten, egal, wo ihre tieferen Wurzeln sind. Daher ist diese Serie im Grunde nur kulinarische Konsequenz der Berliner Realität: eine Realität, in der Vielfalt schlichtweg existiert und in Angesicht derer es an uns selbst liegt, ob wir sie als Grundlage der Entfremdung bemühen oder als Einladung zur Begegnung begreifen wollen.

Gleichzeitig wissen wir, dass der Fokus auf Essen ebenso verklärt und vereinfacht. Natürlich lösen wir mit der ganzen Chose überhaupt nichts. Trotzdem – wenn wir im Nobelhart immer wieder darauf bestehen, Berlin-Brandenburg auf den Teller zu bringen, dann ist diese Serie vor allem eines: überfällig. Und die Frage nach der Heimat dabei zugleich zeitlos und brandaktuell.

Heimat #1: Kohlroulade vom Kalb (Micha Schäfer, Deutschland)